Wählergemeinschaft - Bürger für Hanau

Anne-D. Stübing zum Entwicklungsplan Kindertagesbetreuung 2025 bis 2030

Frau Stadtverordnetenvorsteherin, 
meine Damen und Herren, werte Kolleginnen und Kollegen,
Vorweg sei gesagt: dem vorgelegten Entwicklungsplan zur Kindertagesbetreuung 2025 – 2030 wird die BfH zustimmen – allerdings verbunden mit einem OBGLEICH, zu dem ich jetzt ausführe:
Auf S. 11 des Plans wird beschrieben, dass es in den letzten 3 Jahren mit 1000 und mehr fehlenden Kitaplätzen in Hanau für alle Beteiligten (Träger, Eltern und Elternbeiräte usw.) eine „verbindende Motivation“ gab, zahlreichen Kindern ohne Kitaplatz „Zugang zur frühkindlichen Bildung“ zu ermöglichen. Dafür erfolgte mit „übergreifender Solidarität“ die Zustimmung zur Verkürzung der Kitabesuchszeit/Öffnungszeit in den bestehenden Gruppen täglich um eine Stunde. Mit der gewonnenen Ressource konnten neue Kitagruppen eröffnet und der Platzmangel etwas gelindert werden.
Die Zeitverkürzung bzw. die Frage, wann diese Zeitverkürzung wieder aufgehoben wird, wurde und wird derzeit wiederholt in verschiedenen Gremien/Ausschüssen diskutiert.
Aus unserer Sicht geht es bei den Fragen und Plänen – sowohl bei dem vorliegenden als auch den vorherigen – um zeitliche Umfänge, um Gruppengrößen, um die Errechnung der Kitaplätze – zweifelsfrei wichtig, aber der Frage- oder Beschreibungsschwerpunkt liegt stets vorrangig auf den quantitativen Aspekten.                                                  
Auch für den Schulentwicklungsplan 2025 -2029 ist zu konstatieren, dass es aus Sicht der Stadt um die notwendigen modernen ‚4 Wände‘ und deren auskömmlich gute Ausstattung geht.
Der Raum als 3. Pädagoge im Sinne einer flexiblen anregenden Raumgestaltung ermöglicht zeit-gemäßen Unterricht und unterstützt u.a. positiv auch Wohlbefinden, Konzentration und Motivation der Kinder/der Lernenden, er ersetzt aber nicht die pädagogische Fachkraft mit ihren Lernangeboten.
Doch weder im Schulentwicklungsplan noch im Kita-Entwicklungsplan wird eine Bildungsorientierung dieser Lernangebote klar aufgezeigt – und gerade im Kitabereich mit 29 Tagesstätten in der Verantwortung des Eigenbetriebs hat es die Stadt selbst in der Hand, die gewünschte Bildungsperspektive offenzulegen, zu diskutieren und umzusetzen. 
Zudem verfügt Hanau im Schulzweckverband mit dem Sozialpädagogisches Ausbildungszentrum (SpaZ) der Eugen-Kaiser-Schule über eine duale Ausbildungsstätte mit praxisintegrierter Teilzeitausbildung für Erzieherinnen und Erzieher. Hierüber könnte deutlich stärker Einfluss genommen werden auf das Qualifizierungs- bzw. Bildungsniveau der Fachkräfte – natürlich einvernehmlich mit der Ausbildungs- und Schulleitung, Spielräume dafür gibt es!                                                                                                                                                 
Im Februar 2018 – also vor 8 Jahren sagte René Rock (FDP) bei seinem Besuch des SpaZ lt. damaliger Presseberichterstattung „Unser Ziel muss die weltbeste Bildung sein – Beginn in der Kita“
Aber die Realität sieht leider anders aus.
Bildung ist immer wieder in vieler Munde vor allen seit einigen Jahren und aktuell werden dabei allerorts die zumeist mangelhaften Sprach- und Lesekompetenzen, die begrenzten Schreib- und Mathematikkompetenzen – respektive das insgesamt gesunkene Bildungsniveau unserer Kinder und Jugendlichen beklagt – ob mit Pisa, Iglu, Quop oder, oder, oder. Die diversen Tests und Untersuchungen zeigen diese problematische Bildungssituation auf, die der von PICHT 1964 beschriebenen Bildungskatastrophe recht ähnelt – also nach 60 Jahren eine Wiederholung?! Im Focus online vom 17.1.26 heißt es „Die schlechte Bildungspolitik kostet Milliarden“ – „Bessere Bildung würde Finanzloch stopfen“
… eine bessere Bildung würde aber unseres Erachtens vor allem zunächst den Kindern und Jugendlichen – besonders denen bildungsferner Familien – sowie Erwerbstätigen und Erwerbsfähigen – ja, der Gesellschaft – zu einem stabileren Selbstvertrauen verhelfen. D.h. dem Einzelnen zur Fähigkeit verhelfen, die eigenen Handlungen zu überdenken und einzuschätzen, sich in die Gemeinschaft einzubringen – also teilzuhaben ohne Gewalt aller Art, sondern mit Verstand, Respekt und Toleranz … und hierfür gilt es, im frühkindlichen Bildungsbereich anzusetzen.                                                           
Herrn Statz ist in seiner Forderung ‚bei der frühzeitigen Sprachbildung in der Kita‘ „ein Schippchen draufzulegen“ beizupflichten – d.h. aus unserer Sicht also nicht im Hanauer Status Quo zu erstarren, sondern die Orientierung mit Zukunftsperspektive aktiv in die Hand zu nehmen. Frühkindliche Bildung ist grundlegend, um für etwas mehr Chancengleichheit zu sorgen und dabei weise das Augenmerk auf die Sprachkompetenz zu richten, denn die Sprache – und vor allem die Bildungssprache anstelle der Alltags- und Gossensprache – ist der Schlüssel, der die Grenzen der persönlichen Entwicklung setzt. Der Satz von L. Wittgenstein wird diesbezüglich oftmals zitiert: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“.  
Sprache eröffnet Möglichkeiten des Erfassens und der Ausdrucksweise, was wir über die Welt denken, was wir verstehen, was wir durchdringen können. Wir kommunizieren, tauschen uns aus – Sprache ist schlicht das wichtigste Medium, das unser Leben bestimmt.
„Die Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit (kurz: NUBBEK genannt) stellte“ laut FOCUS online „schon in den zweitausend10er Jahren fest, dass die soziale Ungleichheit im deutschen Bildungssystem bereits bei Kleinkindern beginnt“.                                  
Gründe dafür sind sprachliche und kulturelle Barrieren der Eltern und/oder ihr Misstrauen gegenüber der Bildung in der jeweiligen Einrichtung.                                                                                                   
NUBBEK kam zu dem Ergebnis, dass dieses Misstrauen durchaus angebracht sein kann und „die Qualität in der Betreuung gerade von Kindern, die nicht oder nur schlecht Deutsch sprechen“, „maximal mittelmäßig ist“- das sollte auch uns zu denken geben! In dem daraufhin 2016 aufgelegten Bundesprogramm der ‚Sprach-Kitas‘ mit alltagsintegriertem Förderansatz, das auch in den Hanauer Kitas eingesetzt wurde/wird, sei noch „Luft nach oben“. So könnte diese alltagsintegrierte Sprachförderung inklusive des ebenfalls alltagsintegrierten Hanauer Förderansatzes ‚Ich versteh Dich…‘ gesondert also zusätzlich ergänzt werden z.B. durch ein sprachwissenschaftlich und sprachdidaktisches fundiertes systematisches Sprachförderprogramm speziell für Kinder mit intensivem Förderbedarf in der deutschen Sprache. 
Mein Credo war und ist seit Jahren: Investitionen in die frühe Bildung ist die beste Investition in Prävention und Integration.
Was aber heißt Bildung für uns … und wir alle oder viele reden von Bildung und zweifelsfrei: wir haben in Hanau ein reichhaltiges, umfassendes Angebot an Bildung… schauen wir kurz auf diesen Begriff mit seinen Facetten: Sprachbildung – Bildungssprache, musikalische Bildung, künstlerische Bildung, mathematische Bildung, naturwissenschaftliche Bildung, poly-kulturelle Bildung, demokratische Bildung mit den Menschen-                                                      
und Kinderrechten im Portfolio.
Unsere Stadt, die Stadtgesellschaft mit allen Vereinen, Stiftungen, Initiativen, Kirchen und Glaubensgemeinschaften bietet hierzu eine Palette von Projekten, Fortbildungen und Förderangeboten für jung bis alt an – ungeordnet und unvollzählig nenne ich beispielsweise Musik-Schulen, Ballett- und Tanzschulen, Sportvereine, Museen, Wirtschaft und Schulen, Zeichenakademie und BG-BA, Galerien, VHS, Kulturforum, Umweltzentrum natürlich die Kitas und viele mehr.
Diese Vielzahl von Angeboten scheint aber bisher zumeist nebeneinander zu stehen und wenig aufeinander abgestimmt zu sein. Sie sollten besser koordiniert und transparent in ihrem Bildungsverständnis und ihrer Zielabsicht dargelegt werden.
Wir haben in Hanau u.a. einen Mobilitätsentwicklungsplan, einen Feuerwehr Bedarfs- und Entwicklungsplan, einen Sportentwicklungsplan, Medienentwicklungsplan und 
wir haben seit Oktober 2023 ein Amt für Bildung - aber wir haben - im Gegensatz zu etlichen anderen Städten - keinen Bildungsentwicklungsplan, der das Ziel verfolgt
- Bestand aufzunehmen/Bildungsangebote zu erfassen und zu   
  systematisieren
- Bildungsverständnis und Bildungsorientierung offenzulegen, 
- Bildungsziele zu definieren - eben nicht nur quantitativ, 
  sondern vor allem qualitativ - verbunden mit den Fragen:   
- was wollen wir erreichen und 
- welche Prioritäten wollen wir setzen, ohne die anderen 
   Aspekte dabei außer Acht zu lassen?!                                                              
Ein ‚Bildungsnetzwerk‘ mit allen Partnern zu knüpfen und auch digital zu verlinken böte eine gute Chance, diesen Bildungsentwicklungsplan als gemeinsames ‚Planwerk‘ mit der Förderung ab frühester Kindheit zu bewerkstelligen.
In diesem Sinne wiederhole ich die Zustimmung der BfH zum vorgelegten Entwicklungsplan zur Kindertagesbetreuung OBGLEICH eine Lücke auszumachen ist im bisher fehlenden Bildungsentwicklungsplan mit fundierten und richtungsweisenden quantitativen sowie qualitativen Aussagen.
Daher empfehlen wir abschließend, einen Bildungsentwicklungsplan aufzusetzen, der einer jungen kreisfreien Stadt ein besonderes, ein fortschrittliches und bildungsbewusstes Gesicht verleiht.




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